8. September 2026
Belgien, das lange Zeit als eines der attraktivsten europäischen Länder für klinische Studien galt, sieht seinen Vorsprung in Gefahr. Konkurrenz aus den Vereinigten Staaten und China, offensive Strategien anderer europäischer Länder und bürokratische Hürden: Forscher, Krankenhäuser und die Industrie warnen vor dem Risiko, dass Studien in andere Märkte verlagert werden. Dabei steht viel mehr auf dem Spiel als nur die wirtschaftliche Attraktivität: nämlich der Zugang belgischer Patienten zu innovativen Behandlungen.
Die Botschaft der Redner, die sich an den Universitätskliniken Saint-Luc versammelt hatten, reicht über die bloße wissenschaftliche oder wirtschaftliche Attraktivität hinaus. Für Prof. Jean-Philippe Machiels, medizinischer Direktor der Universitätskliniken Saint-Luc und medizinischer Onkologe, steht an erster Stelle der Zugang der Patienten zu Innovationen.
„Wenn ich einem Patienten die Teilnahme an einer klinischen Studie empfehle, tue ich das nicht aus wissenschaftlichen Gründen, für das Krankenhaus oder ein Pharmaunternehmen. Ich tue es, weil ich davon überzeugt bin, dass diese Studie eine wertvolle Chance für diesen speziellen Patienten darstellen kann“, erklärte er.
Ohne individuelle Vorteile zu garantieren, kann eine klinische Studie tatsächlich Zugang zu einer Behandlungsoption bieten, die in der täglichen Praxis noch nicht verfügbar ist. Die Teilnahme bleibt freiwillig und setzt klare Informationen über sowohl die erwarteten Vorteile als auch die möglichen Risiken voraus.
Ein Ökosystem, das seit jeher günstig für klinische Forschung ist
Belgien verfügt schon lange über eine besonders gut entwickelte Umgebung für klinische Forschung. Universitäten, Universitätskliniken, Forschungsinstitute, Biotechnologieunternehmen, die Pharmaindustrie und staatliche Stellen liegen geografisch nah beieinander und arbeiten eng zusammen.
Dieses Ökosystem hat zur internationalen Reputation des Landes beigetragen. Belgische Zentren konnten insbesondere schnell Studien starten und gehörten zu den ersten Standorten, an denen Patienten Zugang zu neuen Behandlungen erhielten.
Doch dieser Vorteil wird nicht länger als selbstverständlich angesehen. Die administrativen Lasten, die Komplexität der europäischen Regelungen und der zunehmende internationale Wettbewerb erschweren die Initiierung neuer Forschungsprojekte in Belgien und, allgemeiner, in Europa. Dadurch besteht das Risiko, dass Unternehmen andere Regionen bevorzugen, um ihre Versuche zu starten.
Eine führende Position, die nicht länger als selbstverständlich angesehen werden kann
Caroline Ven, CEO von pharma.be, ist daher der Ansicht, dass Belgien sich nicht länger auf seinen bisherigen Erfolgen ausruhen kann. „Der internationale Wettbewerb nimmt zu. Die Vereinigten Staaten versuchen, Investitionen in ihr Territorium zu locken, während China und andere Länder massiv in Biowissenschaften und Innovation investieren. Mehrere europäische Länder, darunter Irland, Schweden, Dänemark und die Schweiz, arbeiten an konkreten Strategien, um ihre Position im Bereich der Biowissenschaften zu stärken.
Um seine Anziehungskraft zu bewahren, plädiert sie für eine integrierte nationale Strategie, bei der Regierungen, die Industrie, Krankenhäuser, Forscher, Universitäten und Patientenverbände einbezogen werden. Eine Strategie, die sich nicht nur auf die wirtschaftlichen Vorteile beschränken darf, sondern auch wissenschaftliche Exzellenz, die Nachhaltigkeit des Gesundheitssystems und die Gesundheitsresultate für Patienten umfassen muss.
Um die Attraktivität Belgiens zu erhalten, plädiert sie für eine integrierte nationale Strategie, die Regierungen, Industrie, Krankenhäuser, Forschungseinrichtungen, Universitäten und Patientenorganisationen einbezieht. Eine Strategie, die sich nicht nur auf wirtschaftliche Vorteile beschränken darf, sondern auch wissenschaftliche Exzellenz, die Nachhaltigkeit des Gesundheitssystems und die Gesundheitsergebnisse für Patienten umfassen muss.
Prévot: „Jetzt ist es Zeit zu handeln„
Auch Vizepremier und Außenminister Maxime Prévot forderte, die belgische Position in der klinischen Forschung zu bewahren. Im Gegensatz zu Ländern, die aktiv versuchen, Investitionen anzuziehen, ist er der Meinung, dass die Komplexität der Verfahren und die administrativen Verpflichtungen heutzutage ein Hindernis für Europa darstellen.
„Wir müssen jetzt in Aktion treten“, betonte er.
Es geht hier nicht nur um wirtschaftliche Interessen. Wenn Unternehmen oder Forscher Regionen bevorzugen, in denen Studien schneller und einfacher beginnen können, könnten belgische Patienten möglicherweise auch später Zugang zu bestimmten therapeutischen Innovationen erhalten.
Vereinfachen, ohne die Anforderungen zu senken
Eine der festgelegten Prioritäten ist daher die Verringerung der administrativen Lasten, ohne den Schutz der Teilnehmer an den Versuchen zu gefährden.
„Sicherheit und ethische Standards müssen im Mittelpunkt stehen“, betonte Maxime Prévot, der sich für eine ausgewogenere und risikobasierte Regulierung einsetzt. Ziel ist es, zu verhindern, dass die Ansammlung von Verfahren die Forschung unnötig verzögert, ohne dass dies einen zusätzlichen Vorteil für den Patienten bringt.
Der Minister möchte auch die Mechanismen stärken, die einen schnelleren Zugang zu innovativen Arzneimitteln ermöglichen, insbesondere die Systeme für Early and Fast Access.
Auf europäischer Ebene setzt sich Wouter Beke, belgischer Abgeordneter im Europäischen Parlament und Berichterstatter für das „Biotech Act“, ebenfalls für einfachere, schnellere und vorhersehbarere Verfahren ein. Das Ziel des zukünftigen europäischen Rahmens besteht insbesondere darin, die Zeit zwischen Innovation und Zugang zu Behandlungen zu verkürzen, ohne die Sicherheitsanforderungen zu beeinträchtigen, und Europa im Vergleich zu den Vereinigten Staaten und China attraktiver zu machen.
Zugang zu Arzneimitteln und klinischen Studien: ein Kreislauf, der aufrechterhalten werden muss.
Die Attraktivität Belgiens hängt jedoch nicht allein von der Geschwindigkeit ab, mit der eine Studie initiiert werden kann. Auch die Frage des Zugangs zu innovativen Therapien nach deren Entwicklung wurde angesprochen.
Trotz der Qualität der Krankenhäuser, der Expertise der Forscher und der gesammelten Erfahrung mit klinischen Studien ist der Zugang zu einigen innovativen Medikamenten für belgische Patienten aufgrund fehlender Kostenerstattung weiterhin schwierig, wie ein Arzt in den Diskussionen anmerkte.
Diese Situation könnte wiederum die Attraktivität des Landes für internationale Studien untergraben. In Verbindung mit langwierigen und komplexen Verfahren könnte dies dazu führen, dass mehr Auftraggeber andere Märkte bevorzugen.
Das Risiko besteht dann darin, dass eine negative Spirale entsteht: eine verringerte Attraktivität führt zu weniger Studien, während der Rückgang der Anzahl an Studien die Chancen für Patienten verringert, frühzeitig Zugang zu bestimmten therapeutischen Innovationen zu erhalten.
Verträge, ethische Kommissionen: wo Belgien noch Handlungsbedarf hat
Es wurden verschiedene Hebelmechanismen identifiziert, um die belgische Position zu bewahren: die Beschleunigung der Verfahren, die Vereinfachung der Vertragsverhandlungen zwischen Krankenhäusern und Auftraggebern sowie die weitere Harmonisierung der Arbeitsweise der ethischen Kommissionen.
Bei seltenen Krankheiten und fortgeschrittenen Therapien, insbesondere Zell- und Gentherapien, stößt die nationale Ebene jedoch schnell an ihre Grenzen. Verstärkte europäische Zusammenarbeit scheint notwendig, insbesondere um Patientenregister zu entwickeln und den grenzüberschreitenden Zugang zu klinischen Studien zu erleichtern.
Schließlich stellt sich eine weitergehende Frage: die der finanziellen Zugänglichkeit von Präzisionsbehandlungen und personalisierten Therapien. Der Erhalt der klinischen Forschung in Belgien wird also nicht nur von schnelleren Verfahren abhängen. Das Land muss sich auch an einer europäischen Diskussion über die Finanzierung von Innovationen und den Zugang zu neuen Therapien beteiligen.
Denn hinter dem internationalen Wettbewerb um klinische Studien steht auch eine sehr konkrete Frage für Ärzte und ihre Patienten: Wo und wie schnell werden die therapeutischen Innovationen von morgen zugänglich sein?
Quelle: MEDIQUALITY
Übersetzung: Viviane
